JAKUB STEFEK | PORTFOLIO

Die Geschichte der Orgeln in Synagogen
In Anlehnung an die Ideen der jüdischen Aufklärung wurden nach 1800 Orgeln in Synagogen installiert. Man glaubte, ihr Klang trage zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls unter den Gläubigen bei. Befürworter der Orgelaufstellung in Synagogen argumentierten, dass genau dieses Instrument im Tempel in Jerusalem gestanden habe.
Orgeln werden im heutigen Bewusstsein gemeinhin als ein Instrument verstanden, das der westlichen Kultur und der christlichen Zivilisation zugehört. Gleichzeitig sind sich sowohl viele Ausführende als auch zahlreiche Hörerinnen und Hörer der Orgelmusik nicht bewusst, dass Instrumentalmusik bis ins Mittelalter hinein in der katholischen Liturgie nicht zugelassen war – sie gehörte vielmehr in den Bereich des „Heidnischen“ und „Jüdischen“[1]. Erst in der Mitte des 15. Jahrhunderts verbreitete sich das Instrument allgemein in den Kirchen. Die Juden selbst begannen es hingegen als hukkāt ha-goi wahrzunehmen – als etwas, das mit der christlichen Kultur verbunden war.
Die Orgel besitzt somit in der jüdischen Kultur eine jahrhundertealte Geschichte. Die Hebräische Bibel erwähnt viermal das Instrument ugav – im Buch Genesis 4,21, zweimal im Buch Hiob (21,12; 30,31) sowie in Psalm 150,4. Ohne Zweifel bezeichnet dieser Begriff ein Musikinstrument; mangels eindeutiger historischer Belege wird er jedoch unterschiedlich interpretiert, unter anderem als Flöte, Dudelsack oder Laute[2]. Nach dem Jerusalemer Talmud (Sukkah 55c) könnte es sich sogar um eine antike Wasserorgel gehandelt haben.
Ein weiterer möglicher antiker Vorläufer der Orgel ist das in der Mischna erwähnte Instrument magrepha (hebr. „schöpfen“, „aufnehmen“, „löffeln“). Der Babylonische Talmud (Arakhin 10b–11a) beschreibt es als durch Blasebälge angetriebene Pfeifenorgel mit zehn Zungenpfeifen unterschiedlicher Größe sowie Tasten, die auf einer Windlade angebracht waren. Dieses Instrument soll sich im Jerusalemer Tempel befunden haben. Nach dessen Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. wurde Instrumentalmusik im Synagogengottesdienst als Zeichen der Trauer verboten. Die Orgel blieb jedoch ein Thema der rabbinischen Diskussion und war weiterhin in der jüdischen Ikonographie sowie in judaistischen Texten präsent. Einige Jahrhunderte später gelangte sie in den christlichen Kulturkreis. Seit dem 13. Jahrhundert enthalten zahlreiche Bibelhandschriften Darstellungen König Davids an der Orgel und bezeichnen ihn als Organisten[3]. Im 15. Jahrhundert verbreitete sich die Orgel in Kloster- und Kathedralkirchen. Es bedurfte jedoch weiterer Jahrhunderte, bis jüdische Musiker – gegen religiöse und gemeinschaftliche Vorbehalte – die Orgel dauerhaft in die Synagoge einführten.
Das bedeutendste Kapitel der Geschichte der Orgel in Synagogen beginnt mit der Haskala, der „jüdischen Aufklärung“, und mit den Werken von Moses Mendelssohn (1729–1786), einem der bedeutendsten jüdischen Philosophen und Großvater des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Bewegung, die zunächst eine Erneuerung des Judentums und die Wiederentdeckung vergessener Traditionen anstrebte, wurde zur Grundlage säkularen jüdischen Denkens und der Assimilation. Später entwickelte sie sich zu einer Emanzipationsbewegung, die rechtliche und gesellschaftlich-kulturelle Gleichstellung der Juden forderte[4].
Diese Veränderungen erfassten auch das jüdische Religionsleben. Die Reformer verstanden ihre Maßnahmen nicht als Revolution, sondern als Rückkehr zum „wahren“ Judentum, das als anerkannte Religion erscheinen sollte und nicht länger als abgeschlossene, geheimnisvolle Sekte. Besonders betroffen waren die ästhetischen Aspekte der Synagogenliturgie. Diese wurde verkürzt; zudem führte man die deutsche Sprache ein, einschließlich Predigten nach christlichem Vorbild. Auch der musikalische Bereich erfuhr grundlegende Veränderungen. Um die Liturgie für ein im westlichen Musikverständnis gebildetes Publikum zugänglicher zu machen, führte man chorische Gemeindegesänge in deutscher und hebräischer Sprache ein und – vor allem – begann man, Orgeln in Synagogen aufzustellen.
Die erste Synagoge mit Orgel war das Bethaus an der Schule für Kinder armer jüdischer Familien in Seesen (Westfalen). Ihr Stifter Israel Jacobson sah – im Sinne Mendelssohns – im Bildungswesen einen Weg zur gesellschaftlichen Emanzipation der Juden. Die Einweihung dieser Synagoge am 17. Juli 1810 war das erste dokumentierte Ereignis, bei dem in einer auf deutschem Boden gelegenen Synagoge eine Orgel erklang – „etwas bisher Unerhörtes“[5].
Ein weiteres wichtiges Ereignis war die Zweite Rabbinerversammlung, die vom 15. bis 28. Juli 1845 in Frankfurt am Main stattfand. Dort diskutierte man die Legitimität von Orgeln und Orgelmusik in Synagogen sowie die Frage, ob ausschließlich Juden als Organisten tätig sein sollten[6]. Obwohl in den Schlussfolgerungen festgehalten wurde, dass die Orgel gemäß der Tradition als fremdes Element eigentlich verboten sei, könne sie dennoch zur Erbauung und zur Hervorhebung des Gebetscharakters der Liturgie verwendet werden. Bemerkenswert ist die Empfehlung, in der Orgelmusik „jede Nachahmung des Barbarischen zu vermeiden, es sei denn … das barbarische Element ist integraler Bestandteil der jeweiligen Ausführung“. Zudem legten die Teilnehmer eine neue Ordnung der Synagogenliturgie unter Einbeziehung der Orgelmusik fest.
In der Folge wurden Orgeln in zahlreichen Synagogen installiert. Besonders bedeutend war das Instrument der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin, das nach langen rabbinischen und philosophischen Diskussionen errichtet wurde. Die Ideen des Reformjudentums strahlten von Deutschland aus in andere Länder Europas, darunter auch nach Mitteleuropa. Sie gelangten ebenso in die Vereinigten Staaten von Amerika, in den Nahen Osten und nach Westindien[7].
In den Gebieten der ehemaligen Rzeczpospolita nahm die Einführung von Instrumentalmusik in Synagogen dort zu, wo die westlichen Einflüsse stärker waren. Große und prachtvolle Instrumente entstanden in Synagogen in Schlesien, Großpolen und Pommern, darunter auch in der Großen Synagoge in Danzig.
In Warschau dauerten die Diskussionen über den Bau einer Orgel in der Großen Synagoge in der Tłomackie-Straße bis nahezu zu deren Ende an. Obwohl zahlreiche Quellen von den „mächtigen Klängen der Orgel“ berichten, handelte es sich vermutlich um ein Harmonium. Der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitete Gebrauch von Tasteninstrumenten zur Begleitung chorsätzlicher Psalm- und Hymnenvertonungen deutet darauf hin, dass dieses Instrument einen Kompromiss zwischen Befürwortern und Gegnern der Reform darstellte. Gleichwohl existieren Berichte über fest angestellte Organisten in den Synagogen von Warschau, Krakau, Lemberg, Wilna oder Stanislau. Zur gleichen Zeit etablierte sich die Orgelmusik weiter östlich endgültig – ihr wichtigstes Zentrum wurde Odessa.
Die kontinuierliche Entwicklung der jüdischen Orgelmusik in Deutschland wurde erst durch die Reichspogromnacht am 9. November 1938 gewaltsam unterbrochen. Im übrigen Europa wurden Synagogen, Musiker, ihre Werke und Instrumente im Zuge der Zerstörung jüdischer Viertel und Ghettos sowie der brutalen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung während der Schoa ausgelöscht. Im Laufe der Jahrzehnte geriet diese Tradition in Polen nahezu vollständig in Vergessenheit; Hunderte von Komponisten und ihre Werke warten bis heute auf ihre Wiederentdeckung.
[1] Williams Peter, The Organ in Western Culture, Cambridge Univeristy Press, New York 1993.
[2] Hasło: Biblical instruments, w: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, [online], Dostępny w Internecie: www.grovemusic.com. [dostęp: 8.12.2018].
[3] Braun Joachim, The Iconography of The Organ: Change in Jewish Thought and Musical Life, „Music in Art: International Journal for Music Iconography” nr 28, 2003.
[4] Sorkin David, Religious Reforms and Secular Trends in German-Jewish Life: An Agenda for Research, „Leo Baeck Institute Yearbook” nr 48, 1995.
[5] Seligmann Caesar, Geschichte der judischen Reformbewegung von Mendelssohn bis zur Gegenwart, Julius Kaufmann, Frankfurt am Main 1922.
[6] Protokolle und Aktenstucke der zweiten Rabbinerversammlung, E. Ullmann, Franfturt a/M. 1845.
[7] Idelsohn Abraham Zvi, Jewish Music in Its Historical Development, Dover, New York 1992.
VERGESSENE KOMPONISTEN
Wir erwecken die Musik dieser Komponisten nicht nur in Polen zu neuem Leben.





