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Dawid Ajzensztadt

1890 Nasielsk - 1942 Treblinka

Mehr Informationen zur Aufnahme finden Sie im Reiter „Diskografie“ oder auf unserer Projektwebsite: www.davideisenstadt.art

Dirigent, Pädagoge und Komponist. Er war ein großer Förderer der jüdischen Musik und wurde als Leiter des Knaben- und Männerchores der Großen Synagoge in der Tłomackie-Straße berühmt. Einer der bedeutendsten jüdischen Komponisten Warschaus, Vater von Maria Ajzensztadt, die als „Nachtigall des Ghettos“ in die Geschichte einging.

Dawid Ajzensztadt (David Eisenstadt) wurde 1890 in Nasielsk geboren – einer Kleinstadt, die an der Wende zum 20. Jahrhundert dank der drei Jahre zuvor eröffneten Eisenbahnverbindung nach Warschau einen lange erwarteten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufschwung erlebte. Die jüdische Gemeinde von Nasielsk konnte auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken – bereits 1650 wurde dort eine erste hölzerne Synagoge errichtet, 1880 folgte eine gemauerte. Dawids Vater war Schochet (rituell bestellter jüdischer Schlachter) und wirkte gelegentlich auch als Kantor.

Um der Routine des Alltags zu entkommen, zog Ajzensztadt nach Nowy Dwór, wo er Musiktheorie und Gesang studierte und unter der Anleitung von Eliezer Boruchowicz die kantoralischen Traditionen vertiefte. Der Wunsch, den musikalischen Weg weiterzugehen, führte ihn nach Berlin, wo er seine Gesangsausbildung fortsetzte. Nach einem Aufenthalt im Westen wandte er sich dem Osten zu – seit 1909 war er Dirigent des Synagogenchores in Homel, drei Jahre später zog er nach Riga und bereiste anschließend mit einem Wandertheater Belarus und die Ukraine. 1918 ließ er sich in Rostow am Don nieder und wurde dort Chormeister der Großen Synagoge. Die in dieser Zeit geschlossenen Freundschaften blieben ihm ein Leben lang erhalten.

1921 ließ sich Ajzensztadt dauerhaft in Warschau nieder, wo er bis zu seinem Lebensende vor allem seine künstlerische und pädagogische Tätigkeit entfaltete. Er wurde Leiter des Chores der Großen Synagoge in der Tłomackie-Straße und wohnte mit seiner Familie im hinteren Teil des Gebäudes. Diese Position brachte ihm großen Ruhm und Anerkennung ein. Der von ihm geleitete herausragende jüdische Chor bestand aus etwa 80 Jungen im Alter von 9 bis 13 Jahren, die Sopran und Alt sangen, sowie aus etwa 20 erwachsenen Männern – Tenören, Baritonen und Bässen. Neben der Liturgie wirkten sie bei zahlreichen Konzerten mit weltlicher Musik mit und nahmen für das Polnische Radio auf. In der Großen Synagoge sang der Chor mit Harmoniumbegleitung, doch viele Quellen berichten auch vom beeindruckenden Klang der Orgel. Bei verschiedenen Gelegenheiten soll auch Ajzensztadt selbst an diesen Instrumenten musiziert haben. Bis heute ist ein einziges Foto erhalten geblieben, das eine Probe des Chores der Großen Synagoge zeigt.

1935 trat der Chor bei der Uraufführung der Oper „Der Dybuk“ des Komponisten Lodovico Rocchi auf. Der Komponist soll nach seiner Ankunft in Warschau zunächst den Sabbatgottesdienst in der Großen Synagoge besucht haben; nachdem er den Chor gehört hatte, schlug er selbst vor, ihn in die Aufführung seines neuen Werkes einzubeziehen. Die Aufführung wurde zu einem großen Ereignis. In den Rezensionen wurden die eindrucksvolle Inszenierung, die imposanten Ballettszenen, die Treue zum Stil des Dramas von Szymon An-ski sowie die pietätvolle Ausführung hervorgehoben – und unter den Schöpfern dieses Erfolges wurde auch der Chormeister genannt.

Überliefert ist auch, dass während der wichtigsten jüdischen Feiertage in der Warschauer Oper Ballettvorstellungen angesetzt wurden, damit die dort beschäftigten Sänger die Möglichkeit hatten, sich dem Chor Ajzensztadts anzuschließen. All dies zeugt von der außergewöhnlichen Anerkennung seiner Arbeit.

Als Pädagoge förderte Ajzensztadt die musikalische Bildung unter den Juden – er war Mitbegründer der Jüdischen Musikgesellschaft und Mitautor des „Algemajner muzik-leksikon“, einer in Heften geplanten jüdischen Musik-Enzyklopädie. Es erschienen jedoch nur die ersten drei Hefte – der Krieg verhinderte die Fortsetzung. 1936 wurde Ajzensztadt Leiter der Kantorenschule des Warschauer Musik-Instituts. Wie Leon Błaszczyk berichtet, leitete er außerdem Chöre der Gesellschaft zur Förderung des jüdischen Schulwesens und der jüdischen Kultur „Szul-Kult“ sowie der Kultur-Liga und zeitweise auch den Grossner-Chor der zionistischen Organisation Bund. Er komponierte die Musik zum Drama „Golem“ von Leiwik Halpern – die Premiere, inszeniert vom Polnischen Theater in Warschau, fand 1928 in einem Zirkusgebäude in der Ordynacka-Straße vor großem Publikum statt.

Seine berühmteste Tätigkeit im Bereich der Popularisierung jüdischer Musik waren die jährlichen Konzerte, zu denen das gesamte musikalische Warschau kam – allen voran Ignacy Jan Paderewski. Mit der Zeit wurden sie als die großartigste Leistung der Vokalkunst in Polen gefeiert. Das Haus der Familie Ajzensztadt war von europäischer jüdischer Kultur und jüdischer nationaler Erneuerung durchdrungen. Dort erklangen sowohl Lieder von Schubert, Mendelssohn und Schumann als auch Werke von Zavel Kwartin und Josele Rosenblatt.

Nach Beginn der deutschen Besatzung Warschaus erwog Ajzensztadt eine Flucht in die Sowjetunion, blieb jedoch auf Drängen seiner Frau in der Stadt. Im Ghetto wohnten sie in der Ceglana-Straße. Selbst unter den dort herrschenden schweren Bedingungen stellte er seine künstlerische Tätigkeit nicht ein. Im Femina-Theater in der Leszno-Straße gründete er ein Sinfonieorchester, und bei den dortigen Konzerten trat das Talent seiner Tochter Marysia Ajzensztadt (Miriam Eisenstadt) voll zutage – sie ging als „Nachtigall des Ghettos“ in die Geschichte ein. Wie Emmanuel Ringelblum festhielt, verzauberte sie mit ihren Liedern auf Polnisch, Hebräisch und Jiddisch die ganze Hauptstadt, auch wenn ihr Talent erst im Krieg vollständig erkannt wurde – „Die junge, schöne, schwarzhaarige Marysia war die populärste Person in ganz Warschau.“ Dawid Ajzensztadt war außerdem Dirigent des Synagogenchores, als die deutschen Behörden im Mai 1941 die Erlaubnis zur Öffnung von drei Synagogen im Ghetto erteilten.

Obwohl allgemein angenommen wird, dass die Werke Dawid Ajzensztadts nicht erhalten geblieben sind, haben doch einige Kompositionen überlebt, und weitere werden noch entdeckt. Ein Teil davon wurde vom Kantor Israel Alter aus Johannesburg unter dem Titel „L’Dovid Mizmor“ gesammelt und veröffentlicht. Dazu gehören die Werke: „Hajom haras olom“, „L’choh dodi“, „Shom’oh vatismah tsiyon“, „L’eineinu oshku amoleinu“ und „Sh’chuloch achuloh“, bestimmt für Kantor mit Tasteninstrumentbegleitung oder für vierstimmigen Chor. Die Kantorpartien sind hochvirtuos, ebenso die Instrumentalpartien – sie zeigen die bemerkenswerte Entwicklung der synagogalen Tonsprache in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Chorstimmen sind hingegen stark in der europäischen Tradition verwurzelt – unter anderem überrascht ein wunderschöner fugierter Abschnitt.

Zu den weiteren Werken zählt die Kantate „Iz awek cum krig der melech“ („Und als der König in den Krieg zog“) nach einem Gedicht von Maria Konopnicka in der Übersetzung von Abraham Reisen, außerdem Chorlieder (auch in jiddischer Sprache) sowie synagogale Werke für Schabbat oder Feiertage. In seinen Kompositionen verband Ajzensztadt traditionelle Volksstile mit gängigen oratorisch-kantatenhaften Formen. Darüber hinaus schrieb er sogar Orchesterwerke, wie etwa eine „Hebräische Suite“. Dieses Repertoire ist in Polen bis heute weitgehend unbekannt, und mit hoher Wahrscheinlichkeit warten weitere Kompositionen des bedeutendsten jüdischen Komponisten Warschaus noch auf ihre Entdeckung in Archiven oder Privathäusern auf der ganzen Welt.

Die letzten Augenblicke der Familie Ajzensztadt im August 1942 schilderte Jonas Turkow:

„Als die deutschen Soldaten Miriam auf dem Umschlagplatz von ihren Eltern trennten und Dawid Ajzensztadt und seine Frau in einen anderen Güterwagen setzten, lief Miriam zu ihren Eltern zurück. Sie wollte sich in den letzten Stunden ihres Lebens nicht von ihnen trennen. Miriam war bereits an der Tür des Waggons, als sie von einem Schuss getroffen wurde.“

Der Transport vom Umschlagplatz führte nach Treblinka, wo Dawid und seine Frau wenig später ums Leben kamen.

Mehr Informationen zur Aufnahme finden Sie im Reiter „Diskografie“ oder auf unserer Projektwebsite: www.davideisenstadt.art
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