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Jakub Leopold Weiss

1816 Nitra – 1891 Warschau

FOTO: BENIAMIN GORGOŃ
Die Gegend um den Blauen Turm in Warschau, der heute an der Stelle der Großen Synagoge steht, wo die Psalmen und Hymnen von Jakub Weiss aufgeführt wurden.

Jakub Leopold Lejb Weiss wurde 1825 in Nitra in Ungarn geboren. Seine Ausbildung erhielt er in Wien bei Salomon Sulzer, einem der bedeutendsten Komponisten der frühen Phase der jüdischen Reformbewegung.

Seit 1860 war Weiss Hauptkantor der Deutschen Synagoge in der Daniłowiczowska-Straße in Warschau. Mit seiner Anstellung wurde beschlossen, die besten Sänger für den Chor auszuwählen und auszubilden. Schon bald stellten die Honorare der Musiker den größten Posten im Budget der Gemeinde dar.

Jakub Leopold Weiss ging als außerordentlich begabter Sänger und Komponist in die Geschichte ein, der sowohl von den Mitgliedern seiner Gemeinde als auch von nichtjüdischen Kreisen geschätzt wurde.

„Mancher unter uns erinnert sich mit wahrer Freude an seinen herrlichen Gesang sowie an seine künstlerische Leitung der Chöre“, hieß es in einem Nachruf auf Weiss. „Mit inniger Andacht hörten wir ihm zu – nicht nur wir Israeliten, sondern auch Andersgläubige; so dass an jedem Sabbat und an jedem Feiertag die damalige Synagoge in der Daniłowiczowska-Straße die zahlreichen Liebhaber seines wunderschönen Gesanges nicht zu fassen vermochte.“

1872 legte Jakub Leopold Weiss infolge eines unglücklichen Missverständnisses mit dem Synagogenvorstand sein Amt nieder. Er setzte seine liturgische Tätigkeit in einer Synagoge fort, die im sogenannten Wiener Saal des Lubomirski-Palais in Warschau eingerichtet worden war. Ab 1873 wirkte er als Kantor in Wilna, kehrte jedoch nach drei Jahren nach Warschau zurück. 1879 bestand er erfolgreich die Lehrerprüfung am Musikinstitut und wurde diplomierter Gesangslehrer. Die Gottesdienste leitete er in einer von ihm angemieteten Synagoge in der Nalewki-Straße. Darüber hinaus plante er die Gründung einer Gesangsschule für junge Menschen, die sich zu Kantoren und Sängern ausbilden lassen wollten.

Seine Ideen brachten ihm jedoch keine finanzielle Stabilität – die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Armut, obwohl seine Musik nicht nur in Warschau, sondern in ganz Europa große Verbreitung fand. Er starb am 21. August 1889. Seine Kompositionen erklangen in Synagogen und Privathäusern bis zum Zweiten Weltkrieg.

Die einzigen Werke von Jakub Leopold Weiss, die bis heute erhalten geblieben sind, befinden sich in der „Synagogen-Bibliothek: Ozar Schire Jeschurun“ in zwei Bänden – der erste erschien 1873, der zweite 1881. Die Werke wurden höchstwahrscheinlich für die Gemeinde komponiert, in der er als Kantor wirkte, und sind überwiegend für vierstimmigen Chor bestimmt. Nur Psalm 137 – „An den Wassern zu Babel“ – liegt in zwei Fassungen vor: für Chor und als Soloversion. Diese Komposition ist zudem die einzige, die von einem instrumentalen Präludium eingeleitet wird; die vier Strophen sind durch ein eindrucksvolles Rezitativ getrennt, in dem die Begleitung auch eine illustrative Funktion übernimmt. Stilistisch – sowohl in Melodik, Harmonik als auch in der Phrasierung – lässt sich das Werk ohne Zweifel mit dem Stil Stanisław Moniuszkos in Verbindung bringen.

Ein möglicher Hinweis auf die Gründe für diese außergewöhnliche Vertonung findet sich im alten Warschau in der Daniłowiczowska-Straße Nr. 5, wo im künstlerischen Salon von Henryk Toeplitz zahlreiche Musiker und Komponisten der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts verkehrten, darunter Jakub Weiss und Stanisław Moniuszko. Die Jahre 1860–1872, in denen Weiss in der dortigen Synagoge wirkte, fallen mit den Uraufführungen der wichtigsten Opern Moniuszkos im Warschauer Teatr Wielki zusammen, das sich bis heute nur wenige hundert Meter von der Daniłowiczowska-Straße entfernt befindet. Möglicherweise inspirierten diese Bekanntschaft und ähnliche Gefühle des Heimatverlustes Weiss zu seiner besonderen Vertonung des Psalms 137 – der Verlauf des Rezitativs deutet klar darauf hin, dass die ursprüngliche Sprachvorstellung Polnisch war.

Die übrigen Psalmen und Hymnen knüpfen an den im 18. und 19. Jahrhundert verbreiteten Stil der Chorkomposition an, weisen jedoch deutliche Einflüsse der deutschen Romantik, des polnischen Kirchenliedstils und sogar der orthodoxen Kirchenmusik auf, wie etwa im Psalm 66 für Männerchor.

Das umfangreiche Vorwort liefert zahlreiche Hinweise darauf, wie Jakub Weiss über seine Werke dachte. Er bestimmte sie sowohl für die Synagoge als auch für das häusliche Umfeld und wollte, dass sie Bestandteil des alltäglichen Lebens der Israeliten, aber auch anderer Menschen würden. Die strikte Treue der Musik zum Text sollte zudem dazu beitragen, dass auch jene den Text verstehen können, die seiner Sprache nicht mächtig sind, und ihn durch die Klänge interpretieren können. Auf diese Weise wurde Weiss zu einem Vertreter der Ideen der Haskala – der jüdischen Aufklärung. Er betonte die Bedeutung und den Wert der alten Gebetstexte, während er sie zugleich in einer zeitgenössischen musikalischen Sprache gestaltete, die für verschiedene Nationen und Kulturen verständlich war.

Die Psalmen und Hymnen wurden zweifellos meist in kleineren Besetzungen aufgeführt, begleitet von Klavier, Orgel oder Harmonium. Die Synagogen, in denen Weiss wirkte, waren keine großen Räume, sodass sein Chor vermutlich aus etwa einem Dutzend Sängern bestand. Bemerkenswert ist die Mehrsprachigkeit der Ausgabe – einige Kompositionen erschienen auf Polnisch, Deutsch oder Hebräisch und wurden mit Übersetzungen in diese Sprachen sowie ins Russische versehen.

So haben auch wir uns entschlossen, die Musik von Weiss erstmals aufzunehmen – in verschiedenen Sprachfassungen, in kammermusikalischer Besetzung, mit Begleitung einer kleineren Orgel und der charakteristischen Stimme eines Synagogenkantors. Dies ist jedoch keineswegs die einzige mögliche Aufführungsweise. Wie Weiss selbst schrieb:

„Würden die meisten der veröffentlichten Werke eine klangreiche Orchestrierung erhalten, so könnten sie die heilige jüdische Liturgie zur Glorie vergangener Zeiten zurückführen, als eine große Versammlung am Klang teilhatte, als nicht Autokratie, sondern Demokratie in der Welt der Musik herrschte.“

Dieses Anliegen des Komponisten wollen wir in Zukunft weiterverfolgen.

In seiner musikalischen Tradition war zweifellos auch Raum für solistische Instrumentalmusik innerhalb der Synagogenliturgie. Daher enthält die Aufnahme vier Orgelpräludien von Joseph Sulzer (1850–1925), dem jüngsten Sohn von Salomon Sulzer, dem Lehrer von Jakub Weiss. Es sind einige der wenigen erhaltenen Instrumentalwerke aus dem Umfeld des Wiener Meisters und kommen stilistisch jenen Werken oder Improvisationen am nächsten, die einst in den Synagogen erklungen sein mögen, in denen Weiss wirkte.

Heute können wir nach Jahrzehnten wieder den Psalmen und Hymnen von Jakub Weiss lauschen, und seine Worte aus dem Vorwort mögen erneut Ideale in die Welt tragen, die auch uns nahe erscheinen:

„Gehet nun, meine bescheidenen Werke, die ihr meiner eigenen Seele in heiligen Stunden der Inspiration offenbart wurdet. Gehet und findet wohlwollende Aufnahme bei meinen geweihten Brüdern! Bringt hervor, was die Seele erhebt und veredelt durch die Kraft des Unsichtbaren und Ewigen.“

FOTO: BENIAMIN GORGOŃ
Die Gegend um den Blauen Turm in Warschau, der heute an der Stelle der Großen Synagoge steht, wo die Psalmen und Hymnen von Jakub Weiss aufgeführt wurden.
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