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Abraham Lichtenstein

1806 Friedland – 1880 Berlin

Wir haben seine Melodien anhand der Manuskripte des Kantors rekonstruiert. Darauf basierend komponierte Adam Porębski „Shire Bet Haknesset“ für Orgel, Kinderchor und Kantor, das wir 2021 in Stettin und Berlin uraufführten.

Er wurde am 24. Januar 1806 in Friedland in Ostpreußen geboren. Im Alter von neun Jahren nahm er – mit einer „beseelten Sopranstimme und reicher Fantasie“ – als Sänger am Synagogengottesdienst in Königsberg teil, lernte Hebräisch sowie Musik, darunter auch Violinspiel. Bereits mit sechzehn Jahren sang er Basspartien in der Synagoge in Glogau (heute Głogów). Umfang und Kraft seiner Stimme entwickelten sich so rasch, dass er zum Kantor in Posen ernannt wurde (der genaue Zeitpunkt ist nicht bekannt). Nach einer Praxiszeit in Frankfurt an der Oder und einer Tätigkeit als Kantor in Schwedt übernahm er im Alter von 27 Jahren dasselbe Amt in Stettin.

Lichtenstein wirkte nicht nur in den Synagogengottesdiensten, sondern nahm – häufig als erster Geiger – auch an Orchesterkonzerten unter der Leitung von Carl Loewe teil. Der berühmte Stettiner Komponist engagierte ihn offenbar regelmäßig auch als Gesangssolisten in Oratorienaufführungen. Die „gewaltigen vokalen Mittel und das hervorragende musikalische Talent“ Lichtensteins begeisterten das Konzertpublikum ebenso wie die Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Sein Ruf reichte bald über Stettin hinaus und gelangte Anfang der 1840er Jahre bis nach Berlin.

Am 28. Januar 1844 wandte sich die jüdische Gemeinde in Berlin mit einem Schreiben an Abraham Lichtenstein und bot ihm die Stelle des zweiten Kantors an der Synagoge in der Heidereutergasse an. Kurz zuvor war die Position des ersten Kantors und die Aufgabe der musikalischen Reform Louis Lewandowski (1821–1894) übertragen worden, der als bedeutendster Komponist synagogaler Musik in die Geschichte einging. Abraham Lichtenstein sollte sein engster Mitarbeiter werden.

Die Angelegenheit war jedoch weder sicher noch unkompliziert. Nachdem die Kommission Lichtenstein akzeptiert hatte, wurden seine stimmlichen Fähigkeiten geprüft. Louis Lewandowski notierte: „Mit dem größten Beifall, den man sich denken kann, hat er hier am letzten Sabbat gepredigt. (…) Mit jeder Note, die Herr Lichtenstein sang, steigerte sich die Begeisterung des Publikums, und bis zum Weszameru wagte man kaum zu atmen. Am nächsten Morgen war der Beifall grenzenlos. Die Predigt drang tief in die Herzen der Menschen, und das Sch’ma Jisrael rief Tränen hervor und ergriff alle aufs Tiefste. […] Hier herrscht nur eine Meinung und eine Stimme, nämlich dass Herr L. in sich die besten Eigenschaften der drei größten Sänger des Berliner Theaters vereine.“

Doch es gab auch andere Stimmen. Kompetenzstreitigkeiten und die nur allzu bekannte Missgunst einer kleinen Gruppe führten dazu, dass Lichtenstein aufgefordert wurde, zwei Gutachten vorzulegen: eines über seine Hebräischkenntnisse und eines über seine musikalische Qualifikation, ausgestellt von einem „sehr geachteten, anerkannten Meister“.

Eine begeisterte Stellungnahme erhielt er selbstverständlich von Carl Loewe: „Ich weiß nicht, wie irgendein Konkurrent Sie übertreffen könnte.“ Er beschrieb Lichtenstein als „einen sehr geschickten Mann im Fache der Musik“, lobte seine „außerordentlich schöne Stimme, seltene Koloratur“, erwähnte, dass er „für eigene Zwecke recht hübsch komponierte“, und äußerte zum Schluss Bedauern darüber, dass die Stettiner „wohl dieses klugen Mannes entbehren müssen“.

Im Frühjahr 1845 wurde Lichtenstein schließlich von der „größten und gebildetsten Gemeinde Deutschlands“ – so Lewandowski – angestellt. Beide Musiker arbeiteten fast vierzig Jahre zusammen, zunächst in der Heidereutergasse und ab 1866 in der neuen reformierten Synagoge in der Oranienburger Straße. In diesem kathedralengroßen Gotteshaus mit hervorragender Akustik standen ihnen ein großer gemischter Chor und die größten Orgeln zur Verfügung, die je in einer Synagoge errichtet worden waren.

Nach dem Eintritt Louis Lewandowskis in den Ruhestand wurde Abraham Lichtenstein erster Kantor dieser berühmten Synagoge und damit Hauptkantor Berlins. „Seine imponierende Stimme, ebenso weit im Umfang wie in der Kraft, seine sichere Intonation, die markanten Akzente in den Rezitativen, die scharfe und zugleich klangvolle Aussprache der Worte, vor allem aber der machtvolle Ausdruck seines Gesanges, der aus wahrhaft frommem Empfinden ebenso wie aus Lebendigkeit und Wärme seines Temperaments hervorging, bildeten einen Magneten, der die Synagoge an jedem Sabbat mit ehrfürchtigen Hörern füllte.“

Fünfundzwanzig Jahre später, im Alter von vierundsechzig Jahren, erhielt er Unterstützung durch einen jüngeren Kollegen – Arnold Marksohn. Dieser sang am Sabbat die beliebten „Melodien Lichtensteins“. Ihr Verhältnis muss ausgezeichnet gewesen sein, denn in ihrer freien Zeit spielten sie gemeinsam Violinduette.

Vermutlich lässt sich heute nicht mehr genau feststellen, wann Abraham Lichtenstein dem Komponisten Max Bruch begegnete. Ebenso wenig ist sicher, wann Bruch das Gebet Kol Nidrei in seiner Interpretation hörte. Unbestreitbar ist jedoch, dass gerade diese Bekanntschaft und dieses Erlebnis zur Entstehung des berühmten Werkes Kol Nidrei op. 47 für Violoncello und Klavier führten, das 1880 vollendet wurde.

Lichtenstein starb am 3. Februar desselben Jahres – Berichten zufolge, indem er kurz vor seinem Tod mit kräftiger Stimme das heiligste Gebet des Judentums anstimmte: das Sch’ma Jisrael.

Wir haben seine Melodien anhand der Manuskripte des Kantors rekonstruiert. Darauf basierend komponierte Adam Porębski „Shire Bet Haknesset“ für Orgel, Kinderchor und Kantor, das wir 2021 in Stettin und Berlin uraufführten.
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