JAKUB STEFEK | PORTFOLIO
Weiss - Psalms and Hymns
Jakub Stefek – Orgel
Kammerchor der Kunstakademie in Stettin
Barbara Halec – Dirigentin
Isidoro Abramowicz – Kantor

Jakub Leopold Lejb Weiss wurde 1825 in Nitra in Ungarn geboren. Seine Ausbildung erhielt er in Wien bei Salomon Sulzer, einem der bedeutendsten Komponisten der frühen Phase der jüdischen Reformbewegung.
Seit 1860 war Weiss Hauptkantor der Deutschen Synagoge in der Daniłowiczowska-Straße in Warschau. Mit seiner Anstellung wurde beschlossen, die besten Sänger für den Chor auszuwählen und auszubilden. Innerhalb kurzer Zeit entwickelten sich die Honorare der Musiker zum größten Posten im Budget dieser Gemeinde.
Jakub Leopold Weiss ging als außergewöhnlich begabter Sänger und Komponist in die Geschichte ein, der sowohl von den Mitgliedern der Gemeinde als auch von nichtjüdischen Kreisen hoch geschätzt wurde. Ignacy Gantzwohl schrieb in einem Nachruf: „Mancher unter uns erinnert sich mit wahrer Freude an seinen herrlichen Gesang wie auch an seine künstlerische Leitung der Chöre – wir hörten ihm mit inniger Andacht zu, nicht nur wir Israeliten, sondern selbst Andersgläubige; sodass an jedem Sabbat und an jedem Feiertag die damalige Synagoge in der Daniłowiczowska-Straße die zahlreichen Liebhaber seines wunderschönen Gesangs nicht zu fassen vermochte.“
Im Jahr 1872 legte Jakub Leopold Weiss infolge eines unglücklichen Missverständnisses mit dem Vorstand der Synagoge sein Amt nieder. Er setzte die Leitung der Gottesdienste in einer im Wiener Saal des Lubomirski-Palais eingerichteten Synagoge in Warschau fort. Ab 1873 war er Kantor in Wilna, kehrte jedoch nach drei Jahren nach Warschau zurück. 1879, nach erfolgreich bestandener Lehrerprüfung am Musikinstitut, wurde er diplomierter Gesangslehrer. Die Gottesdienste leitete er in einer von ihm gemieteten Synagoge in der Nalewki-Straße. Darüber hinaus plante er die Gründung einer Gesangsschule für junge Menschen, die sich zu Kantoren und Sängern ausbilden lassen wollten. Seine Ideen brachten ihm jedoch keine finanzielle Stabilität – die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Armut, obwohl seine Musik nicht nur in Warschau, sondern in ganz Europa gern aufgeführt wurde und große Popularität erlangte. Er starb am 21. August 1889. Seine Kompositionen erklangen in Synagogen und privaten Häusern bis zum Zweiten Weltkrieg.
Die einzigen Werke Jakub Leopold Weiss’, die bis heute erhalten geblieben sind, sind die zwei Bände der Musikalischen Synagogen-Bibliothek: Ozar Schire Jeschurun. Der erste Band wurde 1873 veröffentlicht, der zweite 1881. Die Werke wurden höchstwahrscheinlich für die Gemeinde komponiert, in der er als Kantor wirkte, und sind überwiegend für vierstimmigen Chor bestimmt. Nur Psalm 137 „An den Wassern zu Babel“ liegt in zwei Fassungen vor – für Chor und als Soloversion. Diese Komposition ist zudem die einzige, die von einem instrumentalen Präludium eingeleitet wird; ihre vier Strophen werden durch ein eindrucksvolles Rezitativ getrennt, in dem die Begleitstimme auch eine illustrative Funktion übernimmt. Der musikalische Stil – Melodik, Harmonik und Phrasierung – lässt sich ohne Zweifel mit dem Stil Stanisław Moniuszkos in Verbindung bringen. Ein möglicher Hinweis auf die außergewöhnliche Gestaltung dieses Psalms findet sich im alten Warschau, in der Daniłowiczowska-Straße 5, wo sich im künstlerischen Salon von Henryk Toeplitz zahlreiche Musiker und Komponisten der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts trafen, darunter Jakub Weiss und Stanisław Moniuszko. Die Jahre 1860–1872, in denen Weiss in der Synagoge in derselben Straße wirkte, fallen mit den Uraufführungen aller bedeutenden Opern Moniuszkos im Warschauer Teatr Wielki zusammen, das bis heute nur wenige hundert Meter von der Daniłowiczowska-Straße entfernt liegt. Möglicherweise inspirierten diese Bekanntschaft und ähnliche Erfahrungen des Heimatverlustes Weiss zu seiner außergewöhnlichen Vertonung des Psalms 137 – der Verlauf des Rezitativs deutet klar darauf hin, dass die ursprüngliche Sprachfassung, für die das Werk konzipiert wurde, die polnische war.
Die übrigen Psalmen und Hymnen knüpfen an den im 18. und 19. Jahrhundert verbreiteten Stil der Chorkomposition an, weisen jedoch deutliche Einflüsse der deutschen Romantik, des polnischen Kirchenliedstils und sogar der orthodoxen Kirchenmusik auf, wie etwa Psalm 66 für Männerchor.
Das ausführliche Vorwort liefert zahlreiche Hinweise darauf, wie Jakub Weiss seine Werke verstand. Er bestimmte sie sowohl für die Aufführung in der Synagoge als auch im häuslichen Rahmen, in dem Wunsch, sie zu einem Bestandteil des Alltagslebens der Israeliten – aber auch darüber hinaus – zu machen. „Strenge Treue [der Musik] zum Text hat ebenfalls das Ziel, denjenigen das Verständnis des Textes zu ermöglichen, die ihn nicht verstehen, und ihnen so seine Auslegung durch den Klang zu eröffnen.“ Weiss wurde damit zu einem Propagator der Ideen der Haskala, der jüdischen Aufklärung. Er betonte die Bedeutung und den Wert der alten Gebetstexte und vertonte sie zugleich in einer zeitgenössischen musikalischen Sprache, die für verschiedene Nationen und Kulturen, die auf demselben Territorium lebten, verständlich war.
Zweifellos wurden die Psalmen und Hymnen Jakub Weiss’ am häufigsten von kleinen Ensembles mit Begleitung von Klavier, Orgel oder Harmonium aufgeführt. Die Synagogen, in denen der Komponist selbst wirkte, waren keine großen Räume, sodass sein Chor vermutlich aus etwa einem Dutzend Sängern bestand. Bemerkenswert ist die Mehrsprachigkeit der Ausgabe – einige Kompositionen wurden in polnischer, deutscher oder hebräischer Sprache verfasst und mit Übersetzungen in diese Sprachen sowie ins Russische versehen. So haben auch wir beschlossen, die Musik von Weiss erstmals aufzunehmen – in verschiedenen Sprachfassungen, in kammermusikalischer Besetzung, mit Begleitung einer kleinen Orgel und unter Mitwirkung der charakteristischen Stimme eines synagogalen Kantors. Dies ist jedoch keineswegs die einzige mögliche Aufführungsform. Wie Weiss selbst schrieb: „Wenn die Mehrzahl der veröffentlichten Werke eine reiche orchestrale Klanggestaltung erhielte, wäre sie imstande, die jüdische heilige Liturgie zu der Herrlichkeit vergangener Zeiten zurückzuführen, als eine große Versammlung am Klang teilhatte, als es keine Autokratie, sondern Demokratie in der Welt der Musik gab.“ Diesen Traum des Komponisten möchten wir in Zukunft zu erfüllen suchen.
In seiner musikalischen Tradition war zweifellos auch Raum für solistische Instrumentalmusik innerhalb der synagogalen Liturgie. Daher enthält die CD vier Präludien von Joseph Sulzer (1850–1925), dem jüngsten Sohn von Salomon Sulzer, dem Lehrer Jakub Weiss’. Es handelt sich um einige der wenigen erhaltenen Instrumentalwerke aus dem Umkreis des Wiener Meisters – stilistisch am nächsten an jenen Werken oder Improvisationen, die einst in den Synagogen erklungen sein müssen, in denen Weiss die Liturgie leitete.
Heute können wir nach mehreren Jahrzehnten erneut die Psalmen und Hymnen Jakub Weiss’ hören, und seine Worte aus dem Vorwort mögen abermals Ideale in die Welt tragen, die auch uns nahe erscheinen: „Geht also, meine bescheidenen Werke, die ihr meiner eigenen Seele aus heiliger Inspiration in erhabenen Stunden offenbart wurdet. Geht und findet wohlwollende Aufnahme bei meinen geheiligten Brüdern! Bringt das, was die Seele erhebt und veredelt durch die Kraft des Unsichtbaren und Ewigen.“
Aufgenommen in der Kirche in Barnisław im Juni 2022
Veröffentlicht von DUX 1877