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Musik der schlesischen Synagogen

Wojciech Parchem – Tenor
Konstancja Molewska – Sopran
Match-Match-Ensemble
Lilianna Krych – Dirigentin
Jakub Stefek – Orgel

Als wir zum ersten Mal auf die Werke von Ehrlich, Tintner und Hamburger stießen, lösten sie bei uns keine besonderen Emotionen aus. Ich betrachtete sie als weitere Sammlungen synagogaler Musik, die seit Jahren unbeachtet in Archiven lagen. Nach mehreren Jahren intensiver Entdeckungsarbeit, des Kennenlernens, Aufführens und Aufnehmens dieser Literatur nahm ich jeden neuen Fund eher als natürliche Folge unserer Tätigkeit wahr, denn als bahnbrechendes Ereignis.

Schlesien verband ich stets mit beeindruckenden Landschaften, durchzogen von einem dichten Netz touristischer Wege, die zu unzähligen historischen Sehenswürdigkeiten führen. Niemals jedoch betrachtete ich die Region aus der Perspektive ihrer jüdischen Kultur. In dieser Hinsicht erinnerte sie mich an meine Heimatstadt Szczecin (Stettin), wo in den zahlreichen Debatten über Vergangenheit und gegenwärtige Identität anscheinend kein Platz für jenen Teil des kulturellen Erbes geblieben ist, von dem kein Stein auf dem anderen blieb.

Erst die Betrachtung eines Bildbands über die schlesischen Synagogen setzte unsere Vorstellungskraft in Bewegung. Die monumentalen Gotteshäuser – von denen die überwiegende Mehrheit über Chöre und Orgeln verfügte – zeugten von weit mehr als nur vom Einfluss der liturgischen Reform, mit der im 19. Jahrhundert eine solche Besetzung in den Gottesdienst eingeführt wurde. Sie erzählten von großen Ideen, Ambitionen und Träumen. Von der Überzeugung, dass Modernität und Offenheit mit Tradition und Identitätswahrung vereinbar sein können. Mit der Zeit zeigte sich, dass diese Erkenntnis nicht allein unsere war: In den letzten Jahren beobachten wir ein deutlich wachsendes Interesse an diesem vermeintlich randständigen Thema.

Die für diese Aufnahme ausgewählten Werke umfassen Psalmen, Hymnen und Gebete aus der synagogalen Liturgie. Einen besonderen Platz nimmt die Komposition von Salomon Ludwig Ehrlich ein, dem Oberkantor von Oppeln zu jener Zeit, als dort Leo Baeck das Amt des Rabbiners ausübte. Tefilat ṭal ṿa-geshem (Gebet um Tau und Regen), 1892 veröffentlicht, bringt die Vorstellung von der göttlichen Kraft zum Ausdruck, die durch das Wasser alles Leben erhält, und gehörte mit Sicherheit zur Liturgie der Neuen Synagoge in Oppeln.

Um die ganze Vielfalt der Musik schlesischer Synagogen zu zeigen, haben wir in diese Aufnahme auch Werke von Moritz Tintner (Gebetordnung zur heiligen Weihe, Bunzlau 1889) und Eduard Hamburger (Gesänge zum gottesdienstlichen Gebrauch, Liegnitz 1879) aufgenommen. Beide Komponisten wirkten als Kantoren in diesen Städten. Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand besitzt die Beschäftigung mit diesem Repertoire pionierhaften Charakters.

Ergänzt wird das Programm durch eine Komposition von Moritz Deutsch (1818–1892) aus Breslau, die den Forschern des schlesischen Musiklebens bereits bekannt ist, sowie durch ein wirkungsvolles Orgelwerk von Louis Lewandowski (1821–1894), dem Berliner Kantor, der einer der Begründer der modernen synagogalen Musik war. Zugleich ist dies mein persönlicher Tribut an die außergewöhnliche Orgelkultur Schlesiens.

Wojciech Parchem, Lilianna Krych und das Match Match Ensemble lassen den Reichtum dieser Musik lebendig werden. Sie schlüpfen in die Rollen des Kantors, der ihn unterstützenden Sänger, der gemischten Synagogenchöre – in schlesischen Synagogen wirkten auch Frauen in den Chören mit – sowie der versammelten Gemeinde. Bei der Wahl des Aufnahmeortes vertrauten wir erneut der Intuition des genius loci. So konnten wir während der langen Stunden in der Marienkirche zu Liegnitz jene jahrhundertealte Atmosphäre Schlesiens spüren, die auch die Schöpfer dieser Musik begleitet hat.

Mit der Zeit wurde die Musik der schlesischen Synagogen für uns zu etwas Besonderem. Weder die Gebäude noch die Instrumente existieren heute noch. Es fehlen Gedenktafeln, Denkmäler und materielle Spuren. Von dieser ganzen Welt ist nur die Musik geblieben – jene Kunst, die als die flüchtigste aller Künste gilt. Die Arbeit an dieser Aufnahme hat uns jedoch gezeigt, dass gerade sie am meisten zu überdauern vermag.

Wir werden niemals vorhersagen können, was von unserer eigenen Zeit vergessen wird und was Bestand haben wird. Welche Musik hinterlassen wir den kommenden Generationen? Wird auch sie sich als zeitlos erweisen?

Aufgenommen in der Evangelischen Kirche in Legnica im Mai 2026.
Anagram Verlag A111

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