JAKUB STEFEK | PORTFOLIO
The Echo of The Temple
Jakub Stefek - Orgel

In den Jahren 2018–2023 spielte ich Dutzende von Solo- sowie vokal-instrumentalen Konzerten mit unterschiedlichen Musikerinnen und Musikern und realisierte zahlreiche künstlerische Projekte. Das wichtigste war die Initiierung der jährlichen Tage der Jüdischen Musik in Stettin, bei denen wir Musik präsentierten, die in Polen seit der Zeit des Krieges nicht mehr aufgeführt worden war. Wir organisierten Konzerte, bei denen erstmals in der Nachkriegsgeschichte Warschaus wieder Orgelmusik in einer Synagoge erklang. Mit besonderer Rührung trat ich im Museum der Geschichte der Polnischen Juden POLIN in Warschau auf.
In den folgenden Jahren widmete ich mich dem Werk ausgewählter Kantoren und Komponisten: Louis Lewandowski (2019), Arno Nadel (2020), Abraham Lichtenstein (2021), Jakub Weiss (2022) und Gerszon Efros (2023). Zugleich arbeitete ich mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin als Organist an der Synagoge Pestalozzistraße zusammen – der einzigen Synagoge in unserem Teil Europas, in der noch heute an jedem Schabbat und an den Feiertagen Kantoren und Chor mit Orgelbegleitung singen. Das Privileg, diese Musik in dem Kontext aufzuführen, für den sie einst geschaffen wurde, hat meine Wahrnehmung vieler Dinge stärker verändert, als ich es je erwartet hätte.
Gleichzeitig gelang es mir, den überwiegenden Teil der erhaltenen synagogalen Sololiteratur für Orgel kennenzulernen und aufzuführen. Wahrscheinlich ist jedoch weitaus mehr davon entstanden – entweder wurde sie zerstört oder sie wartet noch immer auf ihre Wiederentdeckung. Zunehmend neige ich zur zweiten Möglichkeit.
Eine eigene Idee war die Schaffung neuer Werke, inspiriert von jener Tradition, deren Erforschung ich die letzten Jahre gewidmet habe. Um dies zu verwirklichen, musste man sich in die Lage der früheren Komponisten jüdischer Liturgiemusik versetzen, die versuchten, synagogale Gebetsmelodien mit der zeitgenössischen Musiksprache ihrer Epoche zu verbinden, jüdische Skalen mit westlicher Harmonik, freie, improvisatorische Verläufe mit einem für alle nachvollziehbaren Puls und Metrum. Ich bat sechs hervorragende polnische Komponistinnen und Komponisten meiner Generation, diesen Prozess neu zu durchdenken.
Jeder ging dabei einen eigenen Weg. Adam Porębski bearbeitete die Gesänge des Stettiner Kantors Abraham Lichtenstein aus dem 19. Jahrhundert – zunächst für Kantor, Chor und Orgel, später auch für Orgel solo. So kehrte die Musik des bedeutendsten Kantors meiner Heimatstadt nach Stettin zurück. Aleksandra Chmielewska und Dariusz Przybylski schufen eindrucksvolle Werke auf der Grundlage zweier Kaddisch-Melodien, die Louis Lewandowski notiert hatte. Ich wählte gerade diese Melodien, da sie sich mir bereits bei den ersten von Hunderten synagogaler Liturgien in Berlin besonders eingeprägt hatten. Anna Huszcza entschied sich selbst für eine Melodie Lewandowskis aus dessen drei monumentalen Bänden und schrieb eine Hommage an die Orgeltradition. Marcin Łukaszewski verband die beiden berühmtesten jüdischen Melodien der Welt – Kol Nidre und Hava Nagila – und schuf damit eine Brücke zwischen Sacrum und Profanum. Ignacy Zalewski verlagerte in einem äußerst persönlichen Werk den Schwerpunkt von der Melodie auf die Klangfarbe und schlug damit eine Richtung ein, die die jüdische Orgelmusik kurz vor dem dramatischen Abbruch ihrer Geschichte bereits einzuschlagen begann.
Lange habe ich über den Titel des Projekts und der CD nachgedacht. Anfangs war ich von Echo des Tempels nicht überzeugt. Doch während der nächtlichen Aufnahmesitzungen, in denen wir Dutzende Male dem Nachhall der Orgel lauschten, der durch das gewaltige Innere der Stiftskirche in Stargard rollte, gewann ich die Gewissheit, dass dies die richtige Bezeichnung war. Die Vorstellung von Orgeln im Jerusalemer Tempel hat Generationen inspiriert. Auch heute wird dieses Instrument vor allem mit sakralen Räumen assoziiert. In den Werken der CD klingt das Echo vergangener Traditionen, Ideen und Bestrebungen. Zugleich können wir durch die Form der Aufnahme immer wieder – ganz wörtlich – dem Echo des Tempels lauschen.
Es gibt einige Gedanken, die jede und jeder von uns nach dem Hören dieser CD und dem Lesen ihrer Geschichte mitnehmen kann.
Die jüdische Orgelmusik ist ein Beweis dafür, dass Tradition und Moderne auf kluge Weise miteinander verbunden werden können. Zwischen der Blockade alles Neuen und der Ablehnung alles Alten existiert ein goldener Mittelweg.
In vielen Bereichen des Lebens gibt es faszinierende Themen, die darauf warten, entdeckt zu werden. Aus ihnen können wir viel lernen. Menschen, die ihre Geschichte nicht kennen, sind dazu verurteilt, sich im Kreis zu drehen.
Jede Musik hat ihren Kontext. Ihn zu erkennen und zu verstehen bedeutet mehr als nur historisch glaubwürdig zu interpretieren. Auf diese Weise können wir das Bild der Menschen entdecken, die sie geschaffen haben, und der Zeiten, in denen dies geschah. Vielleicht wird eines Tages – möglicherweise nach dem Hören dieser CD – jemand auf ähnliche Weise auch unsere Geschichte erzählen wollen.
Aufgenommen in der Collegiate Church in Stargard im Juni 2023.
Requiem Records OPUS 91/2023